Das soll jetzt kein allzu ernster Artikel werden. Obwohl ich in der Regel auf eigene Faust verreise, auch in „exotischere“ Länder wie Burma oder Ruanda, mache ich auch Gruppenreisen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Und in der Gruppe hat man ja immer eine*n Reiseleiter*in und/oder Guides.
Gute Guides bereichern die Reiseerfahrung ungemein und verhelfen zu einem deutlich besseren Verständnis der Kultur. Weniger gute … nun ja.
Ich habe beides erlebt. In diesem Artikel möchte ich einfach mal ein Loblied auf die guten singen und darstellen, was die weniger guten ausmachte. Denn schließlich bin ich selbst Guide (wenn auch nur stundenweise) und habe gewisse Ansprüche an meine eigene Arbeit.
Mir ist bewusst, dass einige der hier beschriebenen Personen Verhaltensweisen zeigen, die auf tieferliegende Problematiken hinweisen. Ich möchte mich darüber nicht lustigmachen oder sie persönlich herabwürdigen. Hätte ich diese Menschen privat kennengelernt, hätte ich mich von ihnen einfach ferngehalten. Leider waren wir jedoch in einem professionellen Kontext, wo ich für eine Leistung bezahlt hatte, die nicht in der erwarteten Weise erbracht wurde.
Hall of Fame
Fangen wir mit den Glanzlichtern an. Wenn eine Reise gut läuft, nehmen wir das ja häufig als Selbstverständlichkeit hin. Dabei gilt bei Reisen genau wie bei allen anderen Veranstaltungen: Je besser sie laufen, desto gründlicher und anstrengender war die Vorbereitung. Und auch Guides müssen einiges mitbringen, auch wenn sie nur von einer Agentur für die Durchführung der Reise angeheuert werden.
Birgit (Südafrika/Namibia)
Birgit war als Kind mit ihren Eltern aus Deutschland nach Südafrika ausgewandert. Sie begleitete uns auf der Wanderreise von Kapstadt nach Windhoek (supertolle Reise übrigens, die ich noch verbloggen muss, aber damals war sie noch deutlich günstiger 😬).

Birgit war die Ruhe in Person. Total zen. Immer vollkommen gleichmütig. Und bestens organisiert. Wenn sie sagte, „wir kommen gegen 4 an“, waren wir spätestens um 15:57 Uhr am Ziel. Das Programm beherrschte sie aus dem Effeff, wahrscheinlich hätte sie die Route auch im Schlaf abfahren können. Kleine Abweichungen vom Programm (als z. B. alle unbedingt eine weitere Weinprobe machen wollten) baute sie ein, ohne dass der Tagesablauf gestört worden wäre.
Die Reise war absolut stressfrei.

Katja (Georgien)
Katja verbrachte den ganzen Sommer mit Tourgruppen – klar, die Saison in Georgien ist relativ kurz, da muss man das Geld nehmen, wenn man es kriegen kann. Sie war trotzdem voller Energie. Dabei schien sie kaum zu schlafen. Als Letzte ins Bett, als Erste auf und dazwischen noch alles Mögliche organisieren. Manchmal mussten wir sie schier zwingen, jetzt selbst mal etwas zu essen, statt für uns wieder in die Küche zu laufen. Ich weiß nicht, wie sie das mehrere Monate lang aushält.
Katja gab immer mindestens 200 %. Auch, wenn es gar nicht nötig war. Sie referierte auf Überlandfahrten stundenlang über georgische Geschichte, während wir hinten im Bus alle schliefen. Am letzten Abend in Tbilisi, als wir alle total erledigt in den Sitzen hingen, schlug sie fünf verschiedene Sachen vor, die man noch unternehmen könnte. Wahrscheinlich hätte sie uns huckepack auf den Gletscher getragen, wenn wir das von ihr verlangt hätten.

Dass sie total lieb war, ansprechbar, freundlich und wirklich extrem bemüht, versteht sich von selbst.
Und wenn sie nur 100 % gegeben hätte, wäre es immer noch eine tolle Reise geworden. (100 % hätten vollkommen ausgereicht, und ich sehe ihren ständigen Einsatz bis zur Selbstaufgabe sehr kritisch.)
Colin (Botswana/Simbabwe)
Colin lernten wir nur zufällig kennen. Er war zum „Shadowing“ auf unserer Reise durch Botswana und Simbabwe dabei, also um zu lernen, wie die Tour durchgeführt wird. Er war eine absolute Bereicherung.
Colin war ein alter Hase im Tourismusgeschäft, erfahren, umsichtig, bestens organisiert und total angenehm im Umgang. Dass er diese Tour zum ersten Mal machte, war ihm nicht anzumerken. Dafür war er viel zu professionell. Als ein junger Guide (der sein Handwerk noch lernte) bei unserer geführten Inselwanderung im Okawango-Delta vor Aufregung fast umfiel, rettete Colin die Situation, indem er übernahm. Aus „äh, äh, also, äh, das ist, äh, eine, also, äh, eine Pflanze“ wurde „diese Pflanze hat medizinische Eigenschaften, man kann die Wurzeln kochen und aus dem Sud …“
Simbabwische Guides sind ja sowieso top ausgebildet. Auch Colin kannte jede Pflanze und jedes Tier, das uns auf dieser Reise begegnete. Er hatte einen tollen Sinn für Humor und war immer freundlich, auch wenn wir als Gruppe zwar nett, aber sicher manchmal anstrengend waren. Aber Colin hatte jahrelang Touren von Acacia Africa geleitet, wo man mit lauter sehr jungen Erwachsenen unterwegs ist, die jeden Abend saufen und häufig nur wenig vom Land mitbekommen. Dagegen waren wir wahrscheinlich eine Wohltat.

Wie gut Colin war, fiel besonders im Kontrast mit unserem eigentlichen Guide auf. Dieser war zwar auch bestens qualifiziert, aber von der Persönlichkeit her einfach deutlich schwieriger.
Nidup (Indien)
Nidup war der local guide in Indien während unserer Reise von Kolkata über Westbengalen und Sikkim nach Bhutan. Er ackerte, während Jürgen ⬇️, der angeblich der Reiseleiter war, faulenzte. Und er machte einen tollen Job.
Nun kann man argumentieren, dass Nidup ja gar keine andere Wahl hatte. Wenn er Jürgen mit dessen Faulheit konfrontiert hätte, wäre er wahrscheinlich seinen Job losgewesen. Und trotzdem hatte ich den Eindruck, dass ihm die Arbeit grundsätzlich Spaß macht, dass er gerne mit Gästen unterwegs war und sich auch ehrlich freute, wenn seine Gäste begeistert waren. Und vor allem glaube ich, dass die Reise deutlich besser verlaufen wäre, wenn er das Oberkommando gehabt hätte.

Adam (USA)
Adam war nur einen Tag lang mein Reiseleiter/Guide. Aber es war ein toller Tag.
Vor der etwas, äh, anstrengenden Tour mit Darren ⬇️ hatte ich einen freien Tag in Las Vegas. Mit Casinos kann ich ja wirklich gar nichts anfangen, aber gleich außerhalb der Stadt gibt es Natur. Zum Beispiel den Valley of Fire State Park. „The better side of Las Vegas“ nennt Adam von Outdoor Travel Tours den Park und hat damit absolut recht. Ich habe ziemlich viel Geld für eine private Ganztagestour mit ihm bezahlt. Jeder Cent hat sich gelohnt.

Adam überließ es mir, die Abholzeit festzulegen. 6 Uhr? Oder schon um 5? Natürlich würde er mir einen Muffin als Frühstück mitbringen. Die Muffins waren noch nicht fertig, als Adam im Laden stand, aber egal, denn er hatte eine riesige Kühlbox voller Müsliriegel und Getränke dabei. Wer braucht da noch Muffins? Eine Stunde später sahen wir die ersten bighorn sheep.
Im Park kannte er offensichtlich jede Ecke und jeden Schleichweg, führte mich zu den tollsten Felsformationen und ging auf jeden Wunsch ein. Ich hatte kurzfristig überlegt, ob es tatsächlich eine gute Idee ist, einen ganzen Tag alleine in der Wildnis mit einem ehemaligen Soldaten zu verbringen (der im Irak und in Afghanistan gewesen war …). Aber Adam verarbeitet seine Traumata in der Natur und war völlig ausgeglichen, aufmerksam und zugewandt.
Und tolle Fotos macht er auch noch.

Salah (Oman)
Im Oman war Salah gar nicht unser Reiseleiter, sondern „nur“ unser Fahrer. Und doch so viel mehr.
Salah war der Konvoyführer, hatte also die Verantwortung dafür, dass unsere Gruppe (in vier Geländewagen) heil von A nach B kam. Die Hierarchie zwischen ihm und den drei anderen Fahrern war ganz klar: Er war der Leitwolf und machte die Ansagen. Das Lagerfeuer brannte in der Wüste jeden Abend vorbildlich.

Vor allem war Salah aber Gastgeber. Er war offensichtlich sehr stolz auf sein Land und zeigte es gerne. Ebenso offensichtlich freute er sich sehr, dass er von uns nicht ignoriert wurde – denn die meisten Touris sprechen dann halt doch nur mit der Reiseleitung. Und über unser Interesse am Alltagsleben freute er sich. Gerne gab er uns Auskunft. Wo sonst hätten wir erfahren, wie omanische Wohnhäuser strukturiert sind?
Und so war es tatsächlich, als wären wir mit einem Freund im Oman unterwegs. Einem Freund, der sich zwar nicht immer perfekt auf Englisch ausdrücken konnte, uns aber an seinem Land teilhaben lassen wollte.
Hall of Shame
Die Idee zu diesem Artikel kam mir, als ich meine Erinnerungen an Costa Rica aufschrieb. Da hatte ich nämlich einen Reiseleiter, der so richtig schlecht war. Er führt auch nach wie vor meine Horrorliste an – faul, unprofessionell, Schlepper.
Einer der Hauptgründe, warum ich so oft alleine unterwegs bin, sind meine schlechten Erfahrungen mit Reiseleitern. Das ist kein generisches Maskulinum – die Pflaumen waren immer Männer.
Die hier genannten Herren waren alle auf ihre eigene Art schrecklich und als Reiseleiter eine Fehlbesetzung. Aber ich hatte ja noch Glück. Eine Freundin hatte in Thailand einen Guide, der nicht nur faul, ahnungs- und empathielos war. Er weigerte sich tatsächlich zu helfen, als eine Teilnehmerin nach einem Unfall ins Krankenhaus musste.
Thomas (Costa Rica)
„Also … euren Stress in Deutschland, den tue ich mir ja nicht an“, teilte Thomas uns direkt zur Begrüßung mit. Wenn ich so einen Spruch von ausgewanderten Deutschen höre, werde ich sofort misstrauisch. Als ob es in Ländern wie Costa Rica keinen Stress gäbe! Thomas versicherte uns jedenfalls, er lebe im Paradies. Auch wenn das Paradies es mit ihm, dem ehemaligen Buchhalter aus Schwaben, in Sachen Geschäftserfolg nicht so gut gemeint hatte und er sich nun als Reiseleiter verdingen musste.

Aber eigentlich war Thomas kein Reiseleiter. Er war, genau wie wir, im Urlaub. So verhielt er sich zumindest. Er war das größte (und einzige) Faultier, das wir auf dieser Reise zu Gesicht bekamen. Natürlich zog er nur das absolute Minimalprogramm durch. Öfter versuchte er, uns dazu zu bewegen, Programmpunkte abzukürzen. Obwohl er seit Jahren in Costa Rica lebte und mit einer Einheimischen verheiratet war, wusste er nichts über das Land. „Manche Guides sind ja richtige Spezialisten“, sagte er am ersten Tag zu einer Mitreisenden, „ich bin eher so ’n Generalist.“ Hm, dachte ich, das klingt ja, als würdest du dich mit nichts so richtig auskennen.
Und so war es dann leider auch. Fragen beantwortete er grundsätzlich mit „weiß ich nicht“ oder „müsste ich nachgucken“, aber nie mit „gucke ich nach und melde mich dann bei dir“. Was ich auf der Reise über Flora und Fauna erfahren habe, habe ich bei anderen Guides mitgehört. (Thomas wusste nicht mal, was die Größenangaben in Kinder-T-Shirts bedeuten.)
Wenn Thomas nicht faul war, war er unprofessionell. Dass seine Selbständigkeit gescheitert ist, hätte ich in derart epischer Breite nicht erfahren müssen. Schlimmer aber, was er sich im Rahmen der Reise leistete. Auf die Frage, wo denn das Begrüßungsabendessen stattfinden solle, erzählte er uns minutenlang, das wisse er noch nicht, er müsse noch mit dem Restaurant verhandeln, da habe er beim letzten Mal einen guten Preis bekommen, und wenn die jetzt wieder bla bla bla. Was??? Ich hätte doch erwartet, dass dieser Punkt vor Ankunft der Gruppe geklärt ist.
Immerhin wusste Thomas überhaupt, dass er dieses Abendessen organisieren musste. Er war nicht in allen Programmpunkten so ganz firm. In einem Nationalpark musste er sogar einen anderen Guide nach dem Weg fragen. Zweimal!!

Eines konnte Thomas aber richtig gut: schleppen. Da entwickelte er beachtliche Energien. Jeden Nachmittag säuselte er uns einen vor von einem gaaanz tollen Restaurant, in dem er einen Tisch für uns reservieren könnte, und sprach dann ins Telefon: „Für 15 Personen. Also, 13, plus mich und den Fahrer.“ Schon damals war mein Spanisch gut genug, um das zu verstehen.
In der Regel wurden seine Vorschläge auch immer brav angenommen (außer von mir). Wenn wir aber mal nein sagten, wurde er richtig ungehalten. An einem Tag wagten wir es gar, sowohl ein Mittagessen als auch den Besuch einer Kaffeeplantage abzulehnen. Oh weh, fast hätten wir es uns mit ihm verdorben! Zum Glück bejubelten später alle seinen Vorschlag, zum Abendessen zu gehen – in ein Restaurant, das er wenige Stunden zuvor noch als besonders teuer bezeichnet hatte.
Mit solchen offensichtlichen Unverschämtheiten komme ich nicht gut klar.
(Die Reaktion des deutschen Reiseveranstalters auf meine mehrseitige Beschwerde: Das liege allein an mir, alle anderen Leute, die jemals diese Reise gemacht hätten, fänden Thomas total toll.)
Jürgen (Indien/Bhutan)
Eigentlich war diese Reise, die von Kolkata über Westbengalen und Sikkim nach Bhutan führte, personell sehr gut ausgestattet: mit einem deutschen Reiseleiter und einem ständigen, lokalen Guide. In Indien war das der oben erwähnte Nidup.
Den Reiseleiter hätten wir uns auch sparen können, der hat nur den Reisepreis erhöht. Jürgen hatte mal ein paar Jahre lang in Nepal gelebt und kannte sich auch mit tibetischem Buddhismus ganz gut aus. Jetzt arbeitete er beim Bauamt und leitete gelegentlich Reisen. „Ich muss mir dafür auch immer Urlaub nehmen!“, teilte er uns mit und verhielt sich entsprechend: Als sei er im Urlaub. Die Arbeit machte derweil Nidup.
Jürgen war kein Schlepper, das hatte er nicht nötig. Er war einfach nur faul und selbstherrlich. In der Gruppe hatte er schnell seine persönlichen Favoriten ausgemacht, mit denen er sich gerne ausführlich unterhielt. Die anderen Teilnehmenden ignorierte er weitgehend. Gruppenmanagement war gar nicht seine Sache. Trotz Nidups wiederholter Bitte brachte es nicht fertig, uns bei Besichtigungen innerhalb des Zeitplans zurück zum Bus zu bringen. Nicht mal dafür war er zuständig? Wollte er es sich mit seinen Buddies nicht verderben, indem er sie zur Eile antrieb? Oder war es ihm schlichtweg egal? Ich weiß es nicht. Der Leidtragende war Nidup, der wiederholt das Programm umorganisieren musste.

Und dann kam der Tag, an dem wir Indien verließen und nach Bhutan weiterfuhren. Die Verabschiedung von Nidup fand eher so im Vorbeilaufen statt – schnell, schnell, wir müssen los. Ich habe ihn später per E-Mail gefragt, ob Jürgen ihm ein Trinkgeld gegeben habe – wir hatten schließlich eine ziemlich üppige Trinkgeldkasse. Nidup hat die Frage nicht beantwortet. In Bhutan hingegen inszenierte Jürgen die Trinkgeldübergabe an die dortigen Guides mit großem Tamtam. Er wollte uns vermutlich daran erinnern, dass wir am kommenden Tag auch ihn großzügig bedenken sollten.
Die Trinkgeldkasse hat er nie abgerechnet.
(Die Reaktion des deutschen Reiseveranstalters auf mein abermals mehrseitiges Beschwerdeschreiben: Ja so was, das können wir uns aber gar nicht erklären.)
Sunil (Oman)
Sunil legte eine detaillierte Abrechnung der Trinkgeldkasse vor. Auch wenn diese auf wundersame Weise auf exakt 0 herauskam.
Der Inder Sunil arbeitete im Winter im Oman und studierte im Sommer in seiner Heimstadt Sprachen. Als Guide bei Stadtrundfahrten in Maskat war er wahrscheinlich gar nicht schlecht. Daten und Fakten hatte er dort gut drauf. Aber eine mehrtägige Rundreise mit viel Natur und einer etwas aufmüpfigen Gruppe, die nicht nur brav im Auto sitzen wollte, passte nicht so gut zu seiner Persönlichkeit.

Eigentlich hatte Sunil von früheren Reisenden ganz gute Bewertungen bekommen. Sogar von einer spontan organisierten Yogastunde in den Dünen war die Rede gewesen. Das gab es bei uns nicht.
Seine größte Sorge schien stets zu sein, uns möglichst schnell wieder ins Auto zu bekommen. Abweichungen vom Programm? Um Himmels Willen! Infos gab es außerhalb Maskats nur wenige. Vom Tagesprogramm erzählte er uns kaum etwas, von den einzelnen Orten, die wir besuchten, schien er nicht allzu viel zu wissen. Von der Kultur des Landes erst recht nicht. Mindestens ein Mal hat er uns als Antwort auf eine Frage einfach etwas Falsches erzählt.
Lindsey, Chantal und ich, die wir täglich mehrere Stunden lang mit ihm im Auto saßen, fanden ihn unter aller Kanone. Er uns auch, denn wir unterhielten uns lieber mit Salah, dem Fahrer, als mit ihm, dem Reiseleiter.
Als Reiseleitung, finde ich, habe ich dafür zu sorgen, dass meine Gäste eine möglichst schöne Reise haben. Dafür nutze ich alle mir zur Verfügung stehenden Ressourcen. Wenn da jemand mehr weiß als ich, lasse ich diese Person reden (und lerne von ihr), auch wenn diese Person „nur“ der Fahrer ist.
Sunil sah das anders: Als Reiseleiter sah er sich in der höheren Position und fühlte sich von uns in seiner Autorität untergraben. Dass er Salah nicht leider konnte, machte die Sache nicht besser. Jedenfalls saß er bei jeder Fahrt beleidigt schweigend auf dem Rücksitz.
Wir lachten uns fast tot, als unsere Mitreisenden uns nach wenigen Tagen leicht anfeindeten. Sie glaubten, wir würden den ganzen Tag von Sunil mit Informationen versorgt, während sie leer ausgingen. Nein, das geschah bestimmt nicht. Ohne Salah hätten wir nichts vom Oman erfahren.
Darren (USA)
Seit meinem Aufenthalt in Utah als Austauschschülerin hatte ich mir den Südwesten der USA und die dortigen Nationalparks näher ansehen wollen. Viele Jahre später buchte ich eine internationale Zubuchertour, German departure, also mit deutschsprachiger Reiseleitung. Brauchte ich zwar nicht, aber der Termin passte.
Unser Guide Darren, geborener Dieter mit deutsch-österreichischen Eltern, war baff und gleichzeitig hocherfreut, wie gut ich Englisch sprach: Da könne ich ja für ihn dolmetschen.
Äh, wie bitte? War ich zum Arbeiten da? Offenbar ja.
Darrens Deutsch war nämlich, obwohl er seine ersten Lebensjahre in Deutschland verbracht und als Erwachsener viele Jahre lang in Wien gelebt hatte, bestenfalls mäßig. Die meiste Zeit sprach er einfach nur Englisch, auch wenn Peter und Eugenia so gut wie nichts verstanden. Im Verlauf der Reise kamen die beiden immer direkt zu mit, wenn sie sprachliche Unterstützung brauchten, zum Beispiel beim Bestellen von Essen. Darren stand derweil untätig daneben.
Das war aber das geringste Problem. Darren war grundsätzlich zwar kein übler Typ, aber too much. Viel zu viel. „Wir sind alle introvertiert“, seufzte Bob, „und er ist extrovertiert.“ Vor allem war er laut. Um mit uns zu kommunizieren, schrie er ständig rum. Schaut rechts, schaut links, habt ihr das gesehen, guckt aus dem Fenster, DAAAAA! Dann ein schlechter Spruch, gefolgt von: „Das war ein Witz! Habt ihr den verstanden? Hahaha!“

Es war extrem anstrengend mit ihm. Wenn wir gekonnt hätten, hätten wir in unserem Sprinter alle in den letzten beiden Reihen gesessen, die Rucksäcke auf den Knien, um möglichst viel Abstand von ihm zu haben. Normalerweise streitet man sich ja immer darum, wer heute vorne beim Fahrer sitzen darf – hier war die Frage, wer heute vorne sitzen muss.
Leider merkte Darren überhaupt nicht, wie er auf uns wirkte. Aufmerksamkeit war nicht seine Stärke. Er machte einfach weiter, obwohl niemand über seine Witze lachte. Jürgen, der Älteste in der Gruppe, nahm ihn schließlich zur Seite und sagte ihm, dass das so alles nicht gehe. (Gut übrigens, dass wir Jürgen, einen Arzt, in der Gruppe hatten. Denn die beiden Male, wo es medizinisch wurde, war Darren leider gar nicht zu gebrauchen.)
Vor lauter Herumschreien vergaß Darren leider manchmal, dass er Verantwortung für eine Gruppe Fremder hatte. Ob wir die Wanderungen in den Parks überlebten und heil zum Auto zurückfanden, egal. Bei einer Wanderung – es wurde zunehmend windig, der Boden war nicht eben, rechts ging es steil bergab – eilte er auf dem Rückweg an mir vorbei, statt als Letzter zu gehen. Wäre ich da gestürzt, hätte es eine Weile gedauert, bis das aufgefallen wäre. Dafür war er ganz gut darin, sexistische Sprüche zu reißen – Putzaufgaben und -talente sah er klar bei mir verortet. Ausgerechnet! 😂
Zurück in Vegas gingen wir als Gruppe zum letzten Abendessen – aber ohne Reiseleiter.
…
To be continued … aber hoffentlich vorwiegend die Hall of Fame!