Ganz besondere Reisemomente – Burma, 2006

Sonnenuntergang über Bagan.
Foto: Ralph Müller.

Vielleicht hast Du gesehen, dass ich noch bis zum 12. November 2023 eine Blogparade zum Thema Reiseerlebnisse veranstalte. Mach gerne mit, das geht auch ohne eigenen Blog!

Bei meiner Blogparade geht es mir um besondere Reisemomente und Reiseerlebnisse, die wir hatten, weil wir auf eigene Faust unterwegs waren – also nicht bei einer organisierten Gruppenreise mit durchgetaktetem Zeitplan, wo wir dem Guide hinterherlaufen.

In diesem Artikel beschreibe ich ein paar meiner eigenen Erlebnisse, die ich während einer knapp vierwöchigen Reise in Burma/Myanmar im Jahr 2006 hatte.

Wie war es in Burma im Jahr 2006?

Burma war wieder so ein Land, wo mich meine Freundinnen und Freunde fragten, wo denn das genau liege und ob das überhaupt zu bereisen sei. Natürlich war es das (heute ist das leider eine andere Geschichte). Und es hatte noch echten Abenteuercharakter: Es gab weder Geldautomaten noch flächendeckenden Internetzugang. Einmal habe ich es geschafft, eine E-Mail zu verschicken. Das funktionierte nur, weil ich eine yahoo.de-Adresse hatte. Yahoo.com hätte nicht funktioniert. Etwa zehn Jahre später waren Freunde von mir im Land und posteten auf Facebook. Ich traute meinen Augen kaum. Unvorstellbar damals.

Was Gruppenreisen anging, war Burma damals schon gut erschlossen. Kulturell und geschichtlich hat es ja auch wahrlich viel zu bieten. Diese Reisen waren allerdings echt teuer und klapperten innerhalb von zwei Wochen im Schweinsgalopp die bekannten Highlights ab. Kam für mich also nicht in Frage, denn ich wollte auch in abgelegenere Gebiete und dort etwas mehr Zeit verbringen.

Einzelreisende waren ebenfalls gut bedient. Von A nach B kam man per Bus, Taxi oder Flugzeug. Es gab eine Vielzahl kleiner Gästehäuser, wo man für etwa $10-12 pro Nacht ein ordentliches Zimmer bekam. Das war dann zwar kein großer Luxus, aber sauber, mit eigenem Bad und Frühstück. Übrigens habe ich nirgendwo so dicke und harte Kopfkissen erlebt wie in Burma. Brutal.

Rangoon

In Rangoon (Yangon), der damaligen Hauptstadt, ging das Abenteuer los. Ich saß im Restaurant meines guesthouse, als mich eine Frau auf Englisch ansprach: Entschuldigung, ich glaube, wir kennen uns. Das sei nicht möglich, sagte ich, ich sei erst vor zwei Tagen angekommen. Doch doch, beharrte sie, sie sei sich ganz sicher, könne sich aber nicht mehr erinnern, wo wir uns kennengelernt hätten.

Ich war schon leicht genervt, aber irgendwie… der Akzent kam mir bekannt vor. War sie vielleicht Louise? „Yes!“, schrie sie begeistert, „I knew it!“ Louise und ihre Familie hatte ich 14 Monate zuvor in Luang Prabang in Laos kennengelernt, wo wir ebenfalls die gleiche Unterkunft hatten. Großes Hallo. Wir liefen uns im weiteren Verlauf der Reise noch mehrfach über den Weg.

Dächer in Rangoon, Burma.
Rangoon 2006. Foto: Ralph Müller.

Bagan

In Bagan lernte ich Svenja und Ralph aus Berlin kennen. Gemeinsam strampelten wir auf uralten Fahrrädern die sandigen Straßen und Wege zwischen den Pagoden entlang. Das war echt anstrengend, daher kamen wir nur langsam voran und machten viele Pausen. Als erstes stellte sich heraus, dass beide Architekten waren. Das verlieh der Diskussion über die Baustile der verschiedenen Pagoden schon eine ganz eigene Note.

Im Gegensatz zu mir hatten die beiden damals schon eine Digitalkamera und brannten mir nach der Reise eine CD mit Fotos. Daher sind fast alle Bilder in diesem Beitrag von Ralph.

Im Restaurant

Gegen Mittag fuhren wir bei einem kleinen Familienrestaurant vor, das rein vegetarisch kochte: „Be kind to animals, don’t eat them.“ Dort gab es nicht nur „special overgine“, eine ganz vorzügliche Spezialität des Hauses aus Aubergine, sondern auch die volle Familiendröhnung. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte die Familie sieben Kinder, über die wir der Reihe nach quasi alles erfuhren, als sich Tochter number two zu uns an den Tisch setzte.

Die älteste Tochter war verheiratet, erfuhren wir: „Number one married, because she little bit beautiful.“ Im Klartext, sie war bildschön. Es versteht sich von selbst, dass number two selber unfassbar hübsch war (wie sehr viele der dortigen Frauen). Sie hatte gerade die Uni abgeschlossen und zeigte uns stolz die Fotos von der Zeugnisvergabe. Number three studierte noch, number four würde demnächst an die Uni gehen. Fünf und sechs waren in der Schule, das Nesthäkchen number seven, der einzige Sohn, war etwa zwei Jahre alt und flitzte zwischen den Tischen umher.

Dazu muss man wissen, dass es Burma wirtschaftlich gesehen damals schon alles andere als gut ging. Wenn ich die Leute nach Veränderungen in den vergangenen fünf Jahren gefragt habe, war nie von Fortschritt die Rede – bestenfalls von Stagnation, meist von Verschlechterung. Und hier war eine Familie, die sich bemühte, alle ihre Kinder, auch die Töchter, an die Uni zu bringen. Die bereit war, dafür Geld auszugeben, obwohl sie sich keine Großverdiener waren und obwohl keine großen Aussichten auf einen gut bezahlten (oder irgendeinen) Job und ein besseres Leben lockten.

Einigermaßen geplättet (und sehr gut gesättigt) zogen wir von dannen.

Der Maler

Später am Nachmittag saßen wir im Schatten einer Pagoda, als ein junger Burmese auf uns zutrat. Ob wir vielleicht an George Orwells „Burmese Days“ interessiert seien, fragte er. Das Buch, das auf Orwells Zeit als Kolonialbeamter in Burma basiert, wird überall als Raubkopie verkauft. Daraus ergab sich ein Gespräch über das Leben in Deutschland und Burma, Familie etc. Than Htike war außerdem Maler: Er stellte sowohl Kopien von Tempelmalereien als auch eigene Designs her und verkaufte diese vor Ort. Bilder konnte man in Bagan auch überall kaufen, aber er war der einzige, den ich habe malen sehen. Ich radelte mit fünf Bildern davon, die noch immer bei mir an der Wand hängen.

Lackarbeiten

Noch später unterhielten wir uns mit einer jungen Frau, die Lackarbeiten verkaufte. Sie bot ihre Becher für sechs US-Dollar an und flüsterte dann, manchmal, bei den Amerikanern, da sage sie acht oder neun Dollar, und… und… „Und die bezahlen das dann“, sagte Svenja. „Ja“, hauchte sie. Eine unvorstellbare Summe für sie. In Burma überdenkt man sein eigenes Verhältnis zum Geld.

Lackarbeiten in Burma.
Lackarbeiten. Foto: Ralph Müller.

Vor lauter Dankbarkeit über Svenjas Kauf lud sie uns zum Abendessen zu ihrer Familie ein. Wir nahmen die Einladung nicht an – wir fanden, die Familie sollte das Geld besser für ihren eigenen Lebensunterhalt verwenden.

Inle-See

Die Anfahrt zum Inle-See war schon echt interessant. Ich lernte ein amerikanisches Paar in meinem Alter kennen, die mit Auto und Guide unterwegs waren, und die anboten, mich mitzunehmen. Das war Fluch und Segen zugleich. Fluch, denn die beiden waren erst seit kurzem verheiratet, aber die Ehe war offensichtlich schon hin. „I think we should just go home and have a baby“, zischte sie ihn an; er tat so, als sei er gar nicht da. Bei einer Kaffeepause war die Spannung greifbar, zum Glück waren keine Messer in der Nähe. Segen, weil sie einen super Guide hatten, der frei von der Leber weg über die Situation im Land sprach und vom dem ich einiges erfuhr.

Boote am Ufer des Inle-Sees, Burma.
Foto: Ralph Müller.

Der Inle-See ist bekannt für seine Einbeinruderer. Das sind die Fischer, die mit einem Bein in ihrem kleinen Kanu stehen, mit dem anderen Bein das Ruder umschlingen (und eben rudern) und mit den Händen mit Reuse oder Netz hantieren.

Ein Fischer auf dem Inle-See, Burma.
Fischer auf dem Inle-See. Foto: Ralph Müller.

Um den See zu befahren, gibt es zwei Optionen: „motorboat“ und „canoe boat“. Mit dem motorisierten Boot kommt man natürlich weiter raus auf den See, mit dem kleinen Kanu in verstecktere Ecken.

Auf der Straße sprach mich eine kleine, zerknitterte Frau an, ob ich am nächsten Tag mit ihr mit dem canoe boat fahren wolle. Der Preis schien akzeptabel, ich schlug ein. Es war ein super Erlebnis. Sie sprach nicht besonders gut Englisch, dafür aber mit Verve, und hielt sich auch nicht zurück mit Regimekritik, sobald wir außer Hörweite waren. Abgemacht waren anderthalb Stunden, aber wir waren wesentlich länger unterwegs. Als ich ihr erzählte, ich wolle grünen Tee kaufen, sagte sie, sie würde den für mich besorgen, denn auf dem Markt würde ich nur abgezockt. Ihr Fahrrad („this one no brakes“) lieh sie mir ungebeten. Und als wir gemeinsam mit Peter aus Österreich im Teehaus saßen, schickte sie sich auch noch an, die Rechnung zu bezahlen. Wir mussten sie beinahe gewaltsam davon abhalten. The kindness of strangers.

Und in der Gruppe…

In der Gruppe wäre diese Reise völlig anders verlaufen. Ich kann kaum in Worte fassen, wie anders.

Erstmal hätte ich mehr vom Land gesehen. Ich hatte einen starken Husten und habe deshalb Mandalay ausfallen lassen (heul!), nachdem Svenja und Ralph meinten, die Luft sei dort so schlecht. Auch die Shwedagon-Pagode in Rangoon habe ich nicht gesehen, weil… mir irgendwas dazwischen gekommen ist. Ich weiß auch nicht mehr genau, was.

Natürlich wäre in der Gruppe alles viel komfortabler gewesen. Reisebus statt Klapperfahrrad, wartendes Boot statt Preisverhandlungen, Erklärungen vom Guide statt selber im Reiseführer blättern. Aber im Zweifel hätte der Guide nur erzählt, was offiziell erlaubt war.

Statt dessen habe ich viele Menschen erlebt, die aktiv auf Reisende zugegangen sind, weil sie wollten, dass Ausländer erfahren, wie die Zustände im Land sind. Das ist nicht ungefährlich in einem Land, in dem die Bevölkerung viel bespitzelt wird. Die ganzen Geschichten, die ich gehört habe, haben mich ganz schön mitgenommen. Das war die erste Reise, die ich abzubrechen überlegt habe.

Aber die ganzen Begegnungen, die ich hier beschreibe, hätte ich mit einer Gruppe nicht gehabt. Und so war es vorrangig eine Reise, die mich tief berührt hat und die mir auch 17 Jahre später noch sehr präsent ist.

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Kategorisiert in Reisen

8 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    Das sind so schöne Geschichten. Da konnte ich fast nicht glauben, dass du sogar daran gedacht hast, die Reise abzubrechen. Danke fürs Teilen dieser magischen Momente!
    Liebe Grüße aus Kenia,
    Laura.

  2. Liebe Julia, wie berührend über deine Begegnungen mit den Menschen zu lesen und auch die Beklemmung ist sehr deutlich zu spüren, die dich zu der Überlegung brachte, abzubrechen. Gleichwohl ist auch deine Begeisterung, ob der Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft zu spüren. Danke fürs Mitnehmen auf eine Reise, die du, obschon sie 17 Jahre her ist, so lebendig beschreibst. Danke an Ralf für die wunderbaren Fotos. Herzliche Grüße Sylvia

  3. Liebe Julia, ein toller Reisebericht und ich kann so gut nachvollziehen, wie spannend, schön, erholsam und erlebnisreich es sein kann, wenn man ohne Partner oder Gruppe unterwegs ist. Durch Deine unterhaltsame Art zu schreiben, nimmst Du mich direkt mit auf die Reise und lässt mich intensiv an Deinen Erlebnissen teilhaben. Ganz lieben Dank dafür. Heike

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