Georgien I: Wandern in Swanetien

Georgia on my mind. Lange Zeit wusste ich nur ungefähr, wo sich Georgien eigentlich befindet. Dann kamen die Rosenrevolution und Michail Saakaschwili (2003; letzterer hat sich leider entzaubert und sitzt inzwischen im Gefängnis), der Abchasienkrieg (2008) und schließlich der Auftritt Georgiens als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse (2019). Besonders viel wusste ich immer noch nicht über das Land, aber dass es da sehr schön sei, die Menschen gastfreundlich und Essen und Wein sehr gut, hörte ich immer wieder.

Also hin.

Im Rahmen der Wanderreise besuchten wir auch Tbilisi, Mtskheta, Kutaisi und Gori. Außerdem war ich in Südgeorgien, auf der Georgischen Heeresstraße und in Kazbegi/ Stepantsminda. Vielleicht interessieren Dich auch Infos zur Organisation der Reise.

Wo wandern?

Eine Wein-Reise ist nun für mich weniger von Interesse; ich wollte lieber wandern. Dafür bietet sich der Große Kaukasus an, insbesondere Swanetien im Westen und die Gegend um Kazbegi/ Stepantsminda weiter östlich. Nach Stepantsminda kommt man von Tbilisi (Tiflis) aus innerhalb von ca. 3-4 Stunden. Die Fahrt nach Swanetien hingegen dauert locker 8-10 Stunden. So viel Zeit wollte ich nur ungern in eine marshrutka, also einen als Bus fungierenden Transporter, eingequetscht verbringen. Ich bin ja auch keine 23 mehr…

Zum Glück hat quasi jeder Veranstalter von Aktivreisen Georgien im Programm. (Ja, unter bestimmten Bedingungen reise auch ich in der Gruppe.) Die Routen sind ähnlich, aber nur wenige verbringen mehrere Tage in Swanetien. 500 km über mittelgute Straßen hoppeln, um nach zwei Nächten schon wieder zurückzufahren? Eher nicht. Weltweitwandern in Graz hat mit „Die Schätze Swanetiens“ ein Programm, das gleich sechs Übernachtungen in Swanetien bietet. Das klang deutlich attraktiver.

Allerdings war die Reise nur zwölf Tage lang, davon zwei Reisetage. Gleichzeitig fielen mir fast die Augen aus dem Kopf, je mehr ich im Internet darüber las, was man in Georgien alles sehen und machen kann. Besonders der englischsprachige Blog Wander-Lush ist verantwortlich dafür, dass sich meine Reisedauer schließlich auf drei Wochen ausdehnte. Drei Monate hätte ich auch problemlos füllen können.

Aber zunächst ging es los nach Swanetien. Wir waren zu zehnt: neun ÖsterreicherInnen und ich. Naja, okay, Maria stammt auch aus Oberbayern. Gemeinsam mit Reiseleiterin Katja und Fahrer Markho brachen wir von Tbilisi aus auf. Bis Sugdidi geht es etwa 330 km lang relativ flach geradeaus, doch dann beginnen die Steigungen. Mit jeder Kurve wird die Aussicht spektakulärer, die Berge höher, die Wälder dichter. Linker Hand zieht sich lange der Enguri-Stausee, überall Bienenkästen, kleine Dörfer.

Becho & Ushba-Wasserfälle

Ordentlich durchgeschüttelt kamen wir in Becho an und waren gleich total entzückt angesichts unserer Unterkunft. Nach drei Übernachtungen in Tbilisi und Kutaisi war das Guesthouse Mare fast ein Schock: totale Stille. Nur der Bach hinter dem Haus toste. Auf der einen Seite Blick auf den Ushba, auf der anderen auf das Laila Gebirge. Die Gastgeber waren herzlich, das Essen vorzüglich, die Zimmer schnuckelig – wir hatten unsere Lieblingsunterkunft gefunden. Leider nur für eine Nacht.

Aufwachen mit Blick auf den Ushba in Becho.

Nach dem Frühstück gingen wir zum ersten Mal wandern. Die Reisebeschreibung sprach etwas rätselhaft von „drei Etappen“. Katja schwor mehrfach, dass die erste Etappe sehr einfach sei und die wirklich jeder schaffen könne.

Als erstes zeigte sich uns der Vorteil, mit einem Mercedes Sprinter unterwegs zu sein statt mit einem Reisebus: Markho konnte uns deutlich näher an den Ausgangspunkt der Wanderung fahren, als der Fahrer der Gruppe von Wikinger Reisen, die im Bus unterwegs war, das konnte. Das ersparte uns einige staubige Kilometer zu Fuß. Die andere Gruppe stürmte trotzdem recht bald an uns vorbei und schien auch voller Gipfelambitionen. Wir hingegen stiegen gemütlich etwa 270 HM auf und hatten schon bald das Ende der ersten Etappe erreicht. Hier befindet sich aufgrund der Nähe zu Abchasien ein Grenzposten, der Wanderer jedoch ignoriert. Kurze Pause, Wasserflaschen auffüllen.

Am Grenzposten. Von hier sieht man schon einen der vielen Wasserfälle in der Gegend.

Der nächste Wanderabschnitt führte zu mehreren Wasserfällen. Der Wald lichtete sich bald, so dass wir inmitten von Blumen (und voller Sonneneinstrahlung) wanderten. Die Steigung war auch nicht so wild, noch einmal etwa 250 HM, und die Mühen lohnten sich auf jeden Fall – die Aus- und Anblicke waren großartig.

Blick ins Tal von den Wasserfällen aus.

Die dritte Etappe führt etwa 500 HM nach oben, um die Wasserfälle von oben zu sehen. Auf dem Weg ist ein Fluss zu durchqueren… genau mein Ding. Eventuell sei der Wasserstand auch zu hoch, warnte Katja, so dass die Wanderung am Fluss abgebrochen werden müsse. Ich hatte ja damit gerechnet, die einzige zu sein, die auf diese dritte Etappe verzichtet. Zu meiner Überraschung wollte dann aber keiner von uns den Berg rauf. War wahrscheinlich auch eine gute Entscheidung: Ein anderer Wanderer erzählte uns, man habe sowieso nicht viel sehen können.

Statt dessen stiegen wir in Ruhe wieder ab (ich hielt alle auf, indem ich etwa hunderttausend Blumenfotos machte) und näherten uns im Café dem Phänomen Estragon-Limonade an. Diese sei sehr süß, warnte uns Katja, wir sollten sie am besten mit Wasser verdünnt trinken. So schlimm war es nun nicht. An acquired taste vielleicht, wie man so schön sagt, und giftgrün, aber sicher eine Erinnerung, die für immer mit dieser Reise verbunden sein wird. Hannah schaffte es sogar, das georgische Wort für Estragon überzeugend auszusprechen.

Mestia

Von Becho aus fuhren wir nach Mestia. Man hört ja immer, das Swanetien so „wild“ sei, so weit entfernt von der „Zivilisation“, aber in Mestia merkt man davon nichts. Der Ort ist zwar klein, aber das Touristenzentrum der Gegend.

Denkmal der Königin Tamar in Mestia.

Es versöhnen die Bergkulisse sowie die Wehrtürme. Diese wurden im 8.-12. Jahrhundert gebaut und boten Schutz vor Angreifern – bei Gefahr floh die Familie in den Turm und zog die Leiter ein. Heute dienen sie den Touristen als Fotomotiv und den Einheimischen als Einnahmequelle durch Besichtigungen.

In Mestia zeigte sich ein weiterer Vorteil des Reisens in einer Gruppe. Die Wander-Infrastruktur ist nicht sonderlich ausgeprägt, gelegentlich gibt es Wegweiser, aber nicht immer sind die Wege ganz klar. Kaum eine Wanderung beginnt im Ort selber. Man braucht also fast immer ein Taxi und einen örtlichen Guide. Lässt sich natürlich vor Ort organisieren, aber in unserem Fall war es bereits organisiert.

Wanderung zum Chalaadi-Gletscher

Nur 2,6 km zum Gletscher… sagt sich so leicht.

Dafür, dass Mestia schon auf etwa 1.500 m liegt, gibt es erfreulich viele vergleichsweise einfache Wanderungen, für die man nicht übermäßig viele Höhenmeter überwinden muss. (Der Nachteil dessen ist, wie üblich, dass einem regelmäßig Leute in Flipflops bzw. Influencer-Outfits entgegenkommen.) Wir nahmen zunächst den Chalaadi-Gletscher in Angriff. Zwei Stunden Wanderung, 370 HM, das klingt zwar ganz easy, hat es dann aber doch ganz schön in sich. Als erstes galt es, eine, höflich ausgedrückt, etwas klapperige Brücke zu überwinden, die einige von uns hart an ihre Grenzen brachte.

Dann ging es über Stock und Stein, durch den Wald, am Fluss entlang und schließlich über ein sehr ausgedehntes Geröllfeld (das waren sicher so 20 Minuten) bis zum Fuße des Gletschers. Eine tolle Wanderung, die aus meiner Sicht schöner ist als das Ziel. Denn der Gletscher ist aus der Nähe betrachtet hauptsächlich schmutzig.

Am faszinierendsten fand ich das Gestein, eine Mischung aus Granit und Schiefer in verschiedensten Farben. Wobei die Landschaft auch nicht zu verachten ist…

Der Rückweg über das Geröllfeld.

Zurück geht es auf gleichem Weg. Das sehe ja aus wie in Österreich, hatte meine Schwester gemeint – dann waren wir hier wohl an der schönen blauen Donau.

Wanderung von Lachiri nach Mestia

Sehr beliebt ist in Swanetien die viertägige Wanderung von Mestia nach Ushguli. Die stand für uns nicht auf dem Programm, aber wir wanderten etwa die erste Tagesetappe in umgekehrter Richtung, also auf Mestia zu.

Fast wäre die Wanderung gescheitert. Denn in unserem Ausgangsdorf befand sich ein Wehrturm! Der erste, den wir aus der Nähe sahen! Katja hatte Mühe, uns davon loszueisen. Überhaupt hatte Katja, die geduldigste und bemühteste Reiseleiterin, die mir jemals über den Weg gelaufen ist, so einige Mühe mit uns. (Wir waren keine fiese Gruppe – hoffe ich zumindest -, aber wir konnten stundenlang herumsitzen und gingen nur auf Aufforderung weiter.) Wie sie es schaffte, die gesamte Reise hinweg unbeirrt fröhlich zu bleiben und morgens um 8 genauso wie abends um 10 zu strahlen, ist mir ein Rätsel. Selbst nach Ende unserer Reise, als ich auf eigene Faust und sie mit einer neuen Gruppe unterwegs war, schrieb sie mir noch regelmäßig WhatsApp-Nachrichten, um zu fragen, wie es mir geht.

Kurz nach Beginn der Wanderung gesellte sich dann schon einer der üblichen Hunde zu uns. Streunende Hunde gibt es in Georgien wirklich überall. Viele sind sterilisiert und geimpft, fast alle sind freundlich. Sie freuen sich immer wie verrückt, Menschen zu sehen, weil sie natürlich hoffen, dass etwas Essbares für sie aus dem Rucksack fällt. Diese Hoffnung erfüllte sich bei uns leider nicht. Der Hund hielt uns trotzdem ziemlich lange die Treue. Wahrscheinlich lag das daran, dass er keine wirkliche Alternative zu uns hatte. Als wir schließlich an einen Aussichtspunkt kamen, wo wir die ersten aus Mestia kommenden Wanderer trafen, suchte er sich umgehend neue Freunde und ward nimmer gesehen.

Neben Hunden gibt es in Georgien auch sehr viele Kühe. Die meisten bewegen sich frei und sind vollkommen abgebrüht. Sie stehen auch dann regungslos auf der Straße, wenn sich ein hupender LKW nähert. (Wenn es zu einem Verkehrsunfall kommt, ist inzwischen der Eigentümer der Tiere haftbar.) Deshalb waren wir auch ganz entspannt, als wir auf eine ganze Herde stießen. Kurze Pause, dachten wir, und zogen uns in den Schatten zurück. Die Kühe lagen ihrerseits einige Meter entfernt im Schatten und dösten. Bis sich die erste auf uns zubewegte… und plötzlich waren sie alle da und gingen auf Tuchfühlung. Wahrscheinlich fanden sie das Salz auf unserer Haut sehr attraktiv und wollten so viel wie möglich davon abschlecken. Jedenfalls wurde das der Tag, an dem mein Arm zum ersten Mal in einem Kuhmaul steckte. Mein persönlicher Adrenalin-Kick. Zum Glück dauerte der Moment nicht lange und ging ohne Biss einher. Unser Hund war hier leider nicht sehr hilfreich – er sprang zwar bellend umher, schien aber auch eher eingeschüchtert von den deutlich größeren Kühen. Merke: Wandern in Georgien am besten mit Hirtenhund!!

So traten wir (ich vorneweg mit ungeahnten Energiereserven) etwas überstürzt die Flucht an – die Aussicht, diverse Höhenmeter ab- und sogleich wieder aufzusteigen, erschien mir plötzlich gar nicht so unattraktiv. Hauptsache, die Kühe folgten nicht.

Ohne weitere bovine encounters kamen wir schon bald am Aussichtspunkt an (Berge, wohin man nur blickte), wo ein Café gerne die zahlreichen schwitzenden Wanderer versorgte. Darunter fand sich auch ein Paar aus Hamburg, die mir erzählten, sie seien mit vollem Gepäck, aber nur einem halben Liter Wasser pro Person in Mestia losgewandert…

Die tollen Ausblicke blieben uns für den Rest der Wanderung erhalten, bis wir im Laufe des Nachmittags wieder in Mestia eintrafen.

Ich war sehr erstaunt zu sehen, wie viele Menschen diese mehrstündige Wanderung erst am frühen Nachmittag antraten. Wir waren gegen 9:30 Uhr losgegangen und hatten reichlich Pausen gemacht. Trotzdem waren wir bei Ankunft in Mestia einfach total platt. Der Weg führt über lange Strecken durch offenes Gelände ohne viel Schatten. Zudem waren auch die Temperaturen stark gestiegen. Ich hätte unter diesen Umständen nicht gerne noch diverse Kilometer vor mir gehabt. Doch während wir in Richtung Ortszentrum hinabtaumelten, kamen uns noch diverse Wanderer strammen Schrittes entgegen.

Von Mestia nach Ushguli

Nicht jede Swanetien-Reise führt auch nach Ushguli, unsere aber schon. Das Dorf liegt etwa 50 km von Mestia entfernt; aufgrund der Beschaffenheit der Straßen fährt man am besten mit einem Geländewagen hin. In unserem Fall waren es zwei Mitsubishi Delicias. Unser Fahrer Mirian sprach etwas Englisch und versorgte uns unterwegs mit einigen Informationen. Außerdem bekreuzigte er sich (wie die meisten GeorgierInnen) bei jeder Kirche und jedem Kreuz am Wegesrand (das heißt: quasi ständig) – vielleicht war das auch eine Vorsichtsmaßnahme angesichts des landesüblichen Fahrstils. Auf der Rückfahrt saß ich auf dem Beifahrersitz und war dann doch erstaunt, als meine Mitreisenden Mirian für seinen „sehr ruhigen und vorsichtigen“ Fahrstil lobten – während ich mich streckenweise wie in der Achterbahn gefühlt hatte.

Kurzer Stopp am Aussichtspunkt mit Blick auf den Ushba.

Die Fahrt selber ist natürlich atemberaubend, und das nicht nur wegen der Höhe (der höchste Punkt liegt auf etwa 2.700 m). Die meisten Reisenden stoppen an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Ushba, am Tower of Love und ggf. nochmal in einem Dorf für einen Kaffee oder Toilettenbesuch. Zwei bis zweieinhalb Stunden später rollt man in Ushguli ein und ist gleich mit dem Postkartenmotiv konfrontiert.

Ushguli

Wenn man Katjas Ausführungen lauschte, mochte man glauben, Ushguli bestehe aus zwei bis drei Gästehäusern, einem Café, Wehrtürmen und sonst nichts. Deshalb waren wir ziemlich überrascht zu sehen, dass bei unserer Ankunft vergleichsweise der Bär steppte.

Ushguli liegt auf ca. 2.150 m und gilt als einer der höchstgelegenen permanent bewohnten Orte der Welt. Der Hausberg ist der Shkhara, mit 5.201 m der höchste Berg Georgiens. Das breite Weiße auf den Fotos sind keine Wolken, das ist der Shkhara.

Das Dorf muss immer herhalten, wenn es um den „typischen“ Blick auf ein swanetisches Dorf mit Wehrtürmen geht. Kann man nachvollziehen, denn die Optik ist wirklich einmalig. Es handelt sich um eine Gemeinschaft aus ursprünglich fünf Dörfern, von denen eines von einer Lawine vernichtet wurde. Ein weiteres ist der Touri-Hotspot; dort wohnten wir. „Hotspot“ ist jetzt auch irreführend; natürlich handelt es sich nach wie vor um ein Bergdorf, auch wenn gefühlt jedes zweite Haus ein guest house ist (die andere Hälfte der Häuser ist verfallen). Der Vorteil davon war eine gute Infrastruktur; Reisende müssen sich also nicht selber Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Fast alle Touristen kommen zum Wandern. Daher ist es nachts ruhig (abgesehen von Hunden und Kühen), weil alle um 22 Uhr ins Bett fallen.

Wir verbrachten den ersten Nachmittag damit, im Dorf herumzuspazieren und die Lamaria-Kirche zu besichtigen. Dort war einiges los, denn in Ushguli wurde an dem Tag ein religiöses Fest gefeiert. Welches, war nicht genau herauszubekommen. Vermutlich eines, das christliche und vorchristliche Inhalte elegant verband. Und Anlass gab, das eine oder andere Glas chacha zu trinken. Die kleine Kirche direkt neben unserem Gästehaus platzte jedenfalls aus allen Nähten. Wir waren dort leider nicht erwünscht.

Das Dorf hatte aber auch so einiges zu bieten.

Danach waren wir im Nachbardorf, das wesentlich verlassener ist:

Zuletzt gingen wir ins Kino: In Mestia und Ushguli wird „Dede“ („Großmutter“) gezeigt. Der Film wurde in Ushguli gedreht; fast alle DarstellerInnen sind aus dem Dorf. Er beschreibt den Weg einer jungen swanetischen Frau, deren Familie sie schon früh einer anderen Familie als Braut versprochen hat, die es nach dem Selbstmord ihres (ungeliebten) Verlobten dann doch schafft, eine Liebesheirat einzugehen, und die, nachdem ihr Mann seinerseits der Blutrache zum Opfer fällt, abermals gegen ihren Willen verheiratet wird. Ihren Sohn aus der ersten Ehe verliert sie ebenfalls, weil ihr Schwiegervater ihn nicht hergeben will. Ihre Freundin wird entführt und zur Heirat gezwungen. Zwar hat der Film so eine Art vorsichtiges Happy End und erlaubt die Hoffnung, dass sich die Dinge für die Protagonistin zum Guten wenden werden. Trotzdem sitzt man gerade als Zuschauerin mit einem dicken Kloß im Hals da – insbesondere, wenn man bedenkt, dass der Film Ende des 1990er Jahre spielt. Nicht gerade Feel-Good-Kino, aber sehr sehenswert. Und das Kino in Ushguli hat auch eine ganz besondere Atmosphäre.

Wanderung zum Shkhara-Gletscher – oder auch nicht

Mittagspause mit Blick auf den Shkhara.

Direkt hinter den Dörfern erhebt sich der Shkhara, der höchste Berg des Landes (5.201 m). Eine Wanderung zu dessen Gletscher stand für den nächsten Tag auf dem Programm. 18 km, davon etwa zwei Drittel entlang einer ungepflasterten Straße ohne Schatten. Da war mir schon klar, dass diese Wanderung ohne mich stattfinden würde. Zu meinem Erstaunen sahen das noch einige andere genauso.

So kam es, dass ich den Tag sehr entspannt mit Susi und Hannah verbrachte. Wir hatten ähnliche Vorstellungen: ruhig angehen lassen. Und das erste Dorf, das sieht auch interessant aus. Wir einigten uns also schnell auf unser Tagesprogramm. Während unsere wandernden Mitreisenden bereits dem Gletscher entgegenstrebten, packten wir in Ruhe unser Zeug zusammen, räumten unsere Zimmer und gingen dann allmählich los.

Das erste Dorf

Zunächst galt es, lebend die Hauptstraße zu überqueren, um zum zweiten Dorf zu gelangen. Da wir zu quasi nachtschlafender Zeit unterwegs waren (es war kurz vor 10 Uhr), stellte das kein Problem dar. Vom zweiten Dorf führt der Weg am Fluss entlang zum ersten Dorf und kreuzt ein Privatgrundstück. Hier werden pro Person 2 GEL fällig. (Die Alternative ist die Straße – dann doch lieber zahlen! Auf dem Rückweg wurden wir freundlich durchgewunken.) Auf Höhe des Dorfes führt eine Brücke über den Fluss, dann steigt man durch einen kleinen Wasserlauf zu den Häusern auf.

Dieses erste Dorf wirkte fast komplett verlassen und hatte eine ganz andere Atmosphäre als die anderen. Es war sehr, sehr ruhig. Die wenigen Einheimischen, die wir trafen, wirkten erstaunt, Touristen zu sehen. Vielleicht haben sie sich auch nur darüber gewundert, was für seltsame Fotomotive wir uns aussuchten. In einem verfallenen Haus schaute eine Kuh zur Tür raus, wir fanden einen Balkon mit Hammer & Sichel-Verzierung. Der eine Hund, den wir trafen, war hingegen echt unentspannt und schnappte nach Susis Hose.

Der Nachmittag

Nach so viel Aufregung und Anstrengung (das waren hin und zurück bestimmt 4 km gewesen!) hatten wir uns erstmal eine Pause verdient, fanden wir, und ließen uns in „unserem“ Dorf im Café nieder. Wie sich das für eine Georgien-Reise gehört, unterhielten wir uns dort ausführlich über Island… völlig naheliegend. Und natürlich kauften wir auch noch swanetisches Salz. Vielleicht hätte ich mir im Vorfeld Gedanken darüber machen sollen, an wen ich das ganze Zeug verschenke. Immerhin roch mein Rucksack für den Rest der Reise angenehm nach Gewürzen.

Ein weiterer claim to fame für Ushguli ist der Maler Fridon Nizharadze. Dessen Werk beschäftigt sich mit den Traumata Swanetiens und der Welt. Für 5 GEL kann man in seinem ehemaligen Wohnhaus einen Raum mit seinen Bildern besichtigen. Katja hatte gesagt, sein Stil sei mit Salvador Dalí zu vergleichen; das würde ich so nicht sagen. Es ist eher eine Vermischung verschiedener Stile, aus der etwas ganz Eigenes entsteht.

Nun hatten wir uns also körperlich und geistig verausgabt – zum Glück war es Mittagszeit. Wir eilten zwecks Stärkung zurück zu unserer Unterkunft. Hier zeigte sich schon ein Phänomen, das mir noch öfter im Verlauf der Reise auffiel: Man bestellt etwas zu essen und wird völlig konsterniert angesehen – ist das etwa schon alles? Und dann wird so viel Essen aufgetischt, dass man fast platzt. Den Nachmittag verbrachten wir mit Lesen, Dösen und dem Bewundern des Ausblicks, bis unsere Mitreisenden vom Gletscher zurückkamen und wir nach Mestia zurückfuhren. Die Kids aus der Nachbarschaft lieferten sich derweil eine Wasserschlacht.

Und sonst in Swanetien?

Natürlich kann man in Swanetien nicht nur wandern. Wir besichtigten in Mestia auch zwei Museen. Im Historischen Museum musste die arme Katja, die uns sowieso schon den ganzen Tag mit Informationen versorgte und im Laufe der Reise immer heiserer wurde, dann auch noch die Führung übernehmen, weil gerade kein Guide vom Museum frei war.

Das Museum gilt als das beste in der Region und hat eine umfassende Ausstellung von prähistorischen Objekten über Ikonen, Waffen, Musikinstrumente und Haushaltswaren.


Das Ethnographische Museum, ein ehemaliges swanetisches Wohnhaus, stand nicht im Reiseplan, und wir hatten wohl auch nicht damit gerechnet, es zu besichtigen. Katja schleppte uns den Berg hinauf, organisierte Tickets und Schlüssel und verscheuchte bat einen anderen Guide, mit seiner Gruppe zunächst den zum Haus gehörigen Wehrturm zu besichtigen. Das Highlight für uns Banausen war aber das Schwein, das sich mitten auf die Straße stellte und dem Mustang die Durchfahrt verweigerte.


Swanetisches Salz gibt es auch im Supermarkt.

In ganz Georgien kann man swanetisches Salz kaufen, ein Gewürzsalz. Aber nur in Swanetien ist es echt, weil nur dort ein bestimmtes Kraut wächst, das in die Mischung gehört. Jeder Haushalt hat sein eigenes Rezept, und gefühlt jeder Haushalt verkauft seine Mischung. Natürlich schlugen wir zu. Mein Beutel riss irgendwann auf der Reise – zum Glück war er zusätzlich in einer Plastiktüte eingewickelt, sonst röche mein Rucksack wahrscheinlich bis ans Ende aller Tage nach Bockshornklee und Salz.


Honig gibt es auch in rauen Mengen. Häufig wird er direkt an der Straße vom Imker verkauft, die Bienenstöcke stehen direkt daneben. Man kann quasi Bekanntschaft mit „seiner“ Biene schließen.


Last but not least gibt es den Enguri-Staudamm. Dieser staut den gleichnamigen See auf und liefert, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, 40% des georgischen Stroms. Kein Wunder, dass man vor Ort sehr stolz ist. Den Staudamm kann man besichtigen und bei der Gelegenheit zwei kurze Filme ansehen. Wenn man sich für Staudämme interessiert, sicher ein spannender Stopp. Mich persönlich hat es nicht so vom Hocker gerissen, aber vielleicht war ich auch einfach nur müde.

Weiterlesen: Tbilisi, Mtskheta, Kutaisi, Gori

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13 Kommentare

  1. Jetzt nach einer Woche hab ich wieder Teile deines Georgienreiseberichtes gelesen…..es ist für mich so faszinierend, dass du in wenig Worten diese intensive Reise beschreibst…..ich erlebe die Reise beim Lesen nochmal, Vieles wird wieder erinnert…..das ist so schön……

  2. Liebe Julia, ich habe es wirklich sehr genossen, deinen Reisebericht von Georgien und Svanetien zu lesen. So kurzweilig…..wie wenn ich selbst dabei gewesen wäre….. was ich ja auch war…..und dein Bild mit dem Ford Mustang und dem Schwein zeigt sehr gut die Kontraste in Georgien…..die so allgegenwärtig waren…..ein wahrer LeseGenuss für mich ….. danke

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