Tag 6 meiner Sparfuchs-Zugreise, bei der ich auf Panoramastrecken durch die Schweiz fahre. Heute steige ich von der Schiene auf die Straße um. Das Tessin ruft.
Ganz am Anfang der Reiseplanung wollte ich von Chur aus nach Zermatt fahren und dort den 5-Seenweg gehen. Aber dann war zu lesen, dass dort noch bis in den Juni hinein Schnee liegen könne, und wenn ich eines hasse, dann sind es nasse Füße.
Und wenn ich mir den Schnee ansehe, der am Vortag vom Himmel fiel, bin ich ganz froh, auf Zermatt verzichtet zu haben. 😬
Aber in der Zwischenzeit musste ein Plan B her.
Italien.
Auf dem Weg nach Italien liegt das Tessin.
Schleife nach Davos
Die Frage, die mich während der Routenplanung den meisten Schlaf gekostet hat, war: Wie kann ich Backtracking möglichst gut vermeiden? Für den heutigen Tag kläre ich diese Frage erst in letzter Minute. Meine allererste Idee war gewesen, von Chur über Landquart in Richtung Davos zu fahren. Aber einen Teil der Strecke bin ich ja schon am Vortag gefahren!
Also doch lieber morgens nach Arosa? Den Berg ab Chur hinauf, die gleiche Strecke wieder herunter und weiter ins Tessin?
Als ich aufwache, hängen die Wolken wieder sehr tief. Da hat es wohl wenig Sinn, nach Arosa zu fahren. Also doch die Schleife.
Mit der S-Bahn bin ich in zehn Minuten in Landquart. Dort steige ich in den Zug nach Davos. Zunächst zieht die gleiche Landschaft wie am Vorabend an mir vorbei. Sie ist noch genauso hübsch wie gestern.



Es war nicht die schlechteste Entscheidung. Die Fahrt nach Klosters ist auch beim zweiten Mal echt schön. Zwischen Klosters und Davos windet sich die Strecke steil den Berg hinauf. Wieder liegt Schnee.
Historischer Zug
Bei der Vorbereitung der Reise hatte ich mir eine Verbindung ausgesucht, die um 10 Uhr in Chur losgeht. Ausschlafen, in Ruhe früstücken, entspannt zum Zug. Wir sind ja schließlich im Urlaub.
Doch nach dem Frühstück überprüfe ich im Hotel nochmal schnell die Verbindung in der SBB-App … Oh, was steht denn da bei der früheren Verbindung mit Abfahrt 8:38 Uhr?
Ab Davos fährt ein historischer Zug?? What?
Aber die Verbindung schaffe ich nicht mehr, es ist ja schon 8:08 Uhr. Oder doch?
Ich habe sie geschafft.

Der historische Zug wartet in Davos auf uns. Die haben sogar tatsächlich einen Waggon dabei, der komplett open air ist. Das ist mir dann trotz Sonnenscheins doch zu hardcore. 😂 In den historischen Wagen mit Holzbänken kann man auch die Fenster öffnen (wenn man mal kapiert hat, wie das geht).


Die Strecke ist hübsch mit ähnlicher Landschaft wie zuvor. Auch diese Strecke hat ein Highlight, nämlich das Wiesener Viadukt. Dieses ist die höchste Brücke der Rhätischen Bahn: knapp 90 Meter.

In Filisur Umsteig in den gar nicht historischen IR nach Chur. Dass ich bei dieser Strecke erneut über das Landwasser-Viadukt fahren würde, war mir gar nicht bewusst gewesen! Auch diesmal bin ich fast alleine im Fotowagen, obwohl gleich nebenan eine ganze chinesische Reisegruppe zusteigt.

Im Bus
Eigentlich will ich in der Schweiz ja mit dem Zug fahren. Mein Tagesziel Bellinzona hätte ich von Chur aus auch so erreichen können. Allerdings hätte ich dafür über Zürich fahren müssen. Denn durch das San Bernardino Tal, die direkte (naja) Verbindung zwischen Chur und Bellinzona, führt nur eine Straße.
Deshalb steige ich in Thusis in den Postbus um. Dieser wartet schon vor dem Bahnhof und ist voll. Innerhalb der ersten halben Stunde steigen allerdings fast alle Fahrgäste aus – so kann ich während der Fahrt von der rechten auf die linke Seite und wieder zurück wechseln. Die Landschaft ist spektakulär. Zum Glück wusste ich im Vorfeld nichts von der Viamala-Schlucht, an der wir vorbeiheizen, sonst hätte ich sie natürlich auch noch in meinen Reiseplan einbinden müssen. Ihr folgen noch viele weitere spektakuläre Schluchten.

Unterwegs wandelt sich nicht nur die Landschaft, sondern auch die Architektur. Statt Holzschuppen stehen hier Steinschuppen. Wir kommen durch ein Dorf (war es Hinterrhein?), das so richtig alt aussieht. Wie unglaublich abgeschieden diese Gegend früher gewesen sein muss. Heute nicht mehr so sehr – nicht zuletzt dank mal wieder vieler Tunnel.

Ab Mesocco (mehr Wanderschilder als Menschen) werden die Orte wieder größer und der Bus wieder voller.
Bellinzona
Eine letzte S-Bahn von Castione, bevor wir Bellinzona erreichen. Hier habe ich mich in der Jugendherberge eingemietet. Da wir in der Schweiz sind, werden 100 Franken für das Einzelzimmer (inklusive Frühstück) fällig. 🙄🥴

Immerhin ist die Herberge sehr idyllisch am Fuß der Burg Montebello gelegen. Diese besuche ich auf Anraten des sehr freundlichen Mitarbeiters gleich mal.

Bellinzona hat drei Burgen: Castel Grande ist ziemlich stark restauriert, Montebello nicht. Die dritte, Castello di Sasso Corbaro – keine Ahnung. Das Besondere an diesem Ensemble ist, dass mittels dieser drei Burgen und der dazugehörigen Mauern das gesamte Tal effektiv abgeriegelt werden konnte.
In Montebello gibt es heute ein archäologisches Museum (leider ausschließlich auf Italienisch beschriftet) und sehr schöne Ausblicke auf den Ort und die Umgebung.

Über viele Stufen geht es nach unten ins Zentrum.

Der Ort selbst ist klein, aber sehr nett. Es gibt eine schöne Kirche und einen schönen Migros. Mit frischgebackener Pizza! Was will man mehr.


Weiter nach Italien
An dieser Stelle endet meine Reise durch die Schweiz. Mein nächstes Ziel ist Mailand. Das ist am nächsten Tag fast im Handumdrehen erreicht. Erst die S-Bahn, dann der Regionalzug, schon ist man in Italien.

Übernachtung in Bellinzona
Die günstigste Unterkunft für meinen Aufenthalt in Bellinzona war die Jugendherberge (Hostelling International) Ostello Montebello. Sie teilt sich ein schönes großes Gebäude mit einer Schule. Ein Jugendherbergsausweis wird nicht verlangt.
Das Hostel liegt nur wenige Minuten außerhalb des Stadtkerns. Leider liegt es auch direkt an der Bahnstrecke – es gibt kostenlose Ohrstöpsel im Hostel.
Mein Einzelzimmer war im 5. Stock und sehr kahl, aber eigentlich ganz ok. Das Bett war echt bequem, die Dusche neu.
Bei Übernachtung gibt es die Ticino-Card. Mit dieser kannst Du u. a. den gesamten Nahverkehr im Tessin benutzen – z. B., um nach Chiasso und von dort aus weiter nach Mailand zu fahren. Außerdem gibt es Rabatte bei Bergbahnen.
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