Panoramastrecken in der Schweiz Tag 5: Bernina Express Alternative

Tag 5 meiner Sparfuchs-Zugreise, bei der ich auf Panoramastrecken durch die Schweiz fahre. Auch heute ist ein richtiger Sparfuchs-Tag. Die Strecke des Bernina Express – von Chur nach Tirano (Italien) und zurück – steht auf dem Programm. Auch heute bin ich wieder mit Regionalzügen unterwegs.

Fast hätte ich die Strecke aus meinem Reiseplan gestrichen. Denn irgendwie war das, was ich mir als Route für diesen Tag vorgestellt hatte, nicht umsetzbar. Aber dann teilte mir ein Schweizer Ehepaar streng mit, Bernina sei ein absolutes Muss. Also buchte ich schnell eine Fahrkarte.

Es wird ein langer Tag werden: Elf Stunden lang bin ich unterwegs. Bei trübem Wetter geht es los.

Chur – Samedan

Als der erste Zug im Bahnhof Chur einfährt, hält der Fotowagen direkt vor meiner Nase. Wenn das kein Zeichen ist! Ich springe sofort rein, um mir einen Platz zu sichern. Denn schließlich erwarte ich harte Konkurrenz beim Blick aus dem zu öffnenden Fenster.

Aber es kommt – niemand. Schließlich gesellt sich eine Französin zu mir. Ihr Mann winkt ab und nimmt lieber auf einem Klappsitz Platz.

Im Fotowagen des IR nach St. Moritz. Auf jeder Seite gibt es drei Fenster, die per Knopfdruck geöffnet werden können. Die Dachfenster lassen sich ebenfalls öffnen.

Im Laufe der Fahrt gesellen sich noch ein junger Inder und ein russischer Vater mit seinem Sohn zu uns. Alle stehen wir dick eingemummelt an den offenen Fenstern.

Bis Thusis sei die Strecke „nicht so interessant“, meint die Zugchefin, aber dann werde es gut. Ich kann mir diese Aussage nur so erklären, dass sie die Strecke quasi täglich fährt und die Landschaft schon gar nicht mehr wahrnimmt. Denn natürlich ist es auch bis Thusis interessant! Danach wird es allerdings immer besser.

Der Nothammer, meine Daunenjacke und ich …

Das Besondere an der Fahrt nach Tirano ist, dass die Albula- und die Bernina-Strecke auf 122 km durch 55 Tunnel und über 196 Brücken und Viadukte führen. Es gibt also quasi ständig etwas zu sehen. Solange man nicht im Tunnel ist. 😅 Der Albulatunnel ist beispielsweise knapp 6 km lang.

Hier sind zwei der vielen Viadukte.

Das bekannteste Viadukt ist das Landwasser-Viadukt (65 m hoch, 136 m lang) bei Filisur. Hier geht es von der Brücke direkt in den Tunnel.

Links Landwasser, rechts eine Brücke auf der Strecke von Thusis.

Während wir ganz aufgeregt sind und alles fotografieren, was uns vor die Linse kommt, rücken die Wolken immer näher. Der Regen wird auch allmählich fester.

„Snow“, sage ich zu dem jungen Inder und deute aus dem Fenster. Er fängt eine Flocke mit dem Finger auf und sieht sie prüfend an. „No“, sagt er dann, „it’s just water.“ (🤭)

Kurze Zeit später schneit es richtig, und nicht zu knapp. Der Inder ist ganz außer sich. Er kommt aus Kerala und hat noch nie Schnee gesehen. Vor lauter Aufregung steigt er fast an der falschen Station aus.

Samedan – Pontresina – Tirano

Umstieg in Samedan und kurz darauf in Pontresina. Es schneit inzwischen ziemlich heftig. Offensichtlich sind heute eine ganze Menge Menschen unterwegs, die noch nie Schnee gesehen haben. Es werden tausende Fotos gemacht, bis der Anschlusszug einfährt.

Der Zug nach Tirano ist echt voll. Wo kommen die Leute her? Doch nicht etwa alle aus St. Moritz, wo die Übernachtung schwindelerregend teuer ist??

Je höher wir klettern, desto dichter wird das Schneetreiben. Die Wolken leider auch. Ganz oben am Pass sehen wir dann gar nichts mehr.

Gut, dass ich diesmal keine Wanderungen eingeplant hatte …

Gleichzeitig erzählen uns automatisierte Ansagen im Zug, was wir da theoretisch sehen könnten. Wir fahren offenbar an zwei Gletschern vorbei, auf die man – theoretisch – einen hervorragenden Blick hat.

Tirano

Als wir in Tirano, also in Italien, ankommen, schneit es nicht mehr. Es schüttet. Der kleine Bahnhof ist vollgestopft mit Menschen: Gleich fährt der „richtige“ Bernina Express in Richtung Chur ab. Es dauert ein wenig, bis wir Ankömmlinge uns auf den Bahnhofsvorplatz durchgekämpft haben.

Anschluss nach Mailand: Hinter dem gelben Gebäude fahren die Züge nach Italien. Zurück in die Schweiz geht es im weißen Gebäude rechts.

In Tirano selbst kann man nicht viel machen außer Pizza essen und eine Basilika angucken. Die Lokale am Bahnhof sind natürlich alle voll. Aber ich hatte mir ohnehin schon La pizzicata, einen kleinen Laden auf halbem Weg zur Kirche, ausgeguckt. Hier kochen Apulier. Es schmeckt hervorragend. Ich muss dringend endlich mal nach Apulien!

Orechiette, die typische Pasta Apuliens.

Weiter zur Kirche. Diese ist verschlossen. Sie öffnet in einer halben Stunde … aber ich fahre heute mal nicht mit der Spartageskarte, sondern mit dem Sparpreis. Dieser hat Zugbindung. Also kaufe ich mir lieber eine Kleinigkeit in der Pasticceria am Platz und eile zurück zum Bahnhof.

Basilica della Madonna de Tirano. Auch von außen schön anzusehen.

Tirano – St. Moritz

Auf der Rückfahrt ist der Zug total leer. Eine Wohltat! Ich stehe fast die ganze Fahrt über am offenen Fenster.

Freier Blick auf das Kreisviadukt von Brusio.

Wir schrauben uns den Berg hinauf und erreichen Alp Grüm, den, so die Ansage im Zug, beeindruckendsten Aussichtspunkt der Strecke.

Äh, ja. Okay.

Oben auf dem Pass lacht plötzlich sogar die Sonne. Wie wunderschön es hier ist!

Es tut mir fast ein bisschen leid für meine Mitreisenden von der Hinfahrt, die das jetzt verpassen.

St. Moritz – Klosters Platz – Chur

In St. Moritz habe ich eine gute halbe Stunde Aufenthalt. Das reicht nicht, um den Ort anzusehen. Der Bahnhof ist leider auch nicht so aufregend, wie man sich das von einem derart teuren Ort erwartet hätte. 😂

Für die weitere Fahrt nach Chur habe ich mir die Strecke durch das Oberengadin ausgesucht. Hier regnet es wieder.

Sie führt über Zernez duch den wirklich sehr langen Vereinatunnel (19 km!!) nach Klosters Platz und Landquart. Hier stehen plötzlich überall so hübsche Holzschuppen auf den hügeligen Wiesen. Am Horizont liefert sich die Sonne einen dramatischen Kampf mit den Wolken.

Und schließlich, nach elf Stunden auf den Schienen, rollen wir wieder in Chur ein.

Kurzinfo Bernina Express

Der Bernina Express wird von der Rhätischen Bahn betrieben. Er fährt im Sommer zweimal täglich zwischen Chur und Tirano in Italien. Hinzu kommen verkürzte Fahrten zwischen Tirano und St. Moritz. Natürlich handelt es sich wieder um einen sehr komfortablen und teuren Panoramazug.

Der Bernina Express im Bahnhof Tirano.

Der Fahrplan ist so abgestimmt, dass man am selben Tag hin- und zurückfahren kann. In diesem Fall hat man in Tirano bzw. Chur ca. 1-1,5 Stunden Aufenhalt.

Möglicherweise sinnvoller ist es aber, in den Sommermonaten von Tirano aus mit dem Bus nach Lugano zu fahren. Dort besteht Anschluss an den Gotthard Express (bzw. die günstige Alternative Treno Gottardo) in Richtung Luzern/Zürich/Basel. Das ist die Gotthard-Bernina-Rundreise.

Ebenso kann die Fahrt von Tirano aus mit dem normalen Zug nach Mailand fortgesetzt werden.

Kurzinfo Bernina Express Alternative

Die meisten Alternativverbindungen mit Regionalzügen dauern nur unwesentlich länger. Dafür musst Du mehrfach umsteigen. In der SBB-App kannst Du Dir die verschiedenen Optionen anzeigen lassen. Die einfachste, weil mit nur einem Umstieg verbundene, ist die Fahrt über St. Moritz (etwas längerer Aufenthalt).

Auch auf dieser Strecke kannst Du die Spartageskarte nutzen.

Das Netz der Rhätischen Bahn – die Albula- und Berninastrecken sind grau hinterlegt.

Der aus meiner Sicht größte Vorteil bei der Fahrt mit den Regionalzügen: Die Fenster lassen sich öffnen. Und zwar (zumindest bei meiner Fahrt) in allen Zügen. Das geht im Bernina Express nicht.

In Tirano kannst Du entweder sofort wieder zurückfahren oder zumindest einen kurzen Aufenthalt einplanen. Zwei bis drei Stunden reichen. Weiterfahrt nach Mailand möglich.

Übernachtung in Chur

In Chur haben ich im Zunfthaus Zur Rebleuten übernachtet. Dieses liegt etwa zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt. Wer windschiefe alte Gebäude mag, kommt hier voll auf seine Kosten! Ich war sehr zufrieden. Nachts war es trotz Lage in der Altstadt absolut ruhig. Der Personal war sehr freundlich, das Frühstücksbüffet nicht üppig, aber qualitativ hochwertig.

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