Storytelling: Was macht eine gute Geschichte aus?

Koch Dir eine richtig gute Geschichte. Aber wie?

Beim Storytelling geht es darum, eine Geschichte zu erzählen. Eine gute Geschichte! Eine, die ihre Zuhörer in ihren Bann zieht, so dass sie unbedingt wissen wollen, wie es weiter- und ausgeht.

Die meisten Menschen hören gerne Geschichten. Geschichten selbst zu erzählen, egal ob selbst erlebt oder ausgedacht, finden viele schon wesentlich schwieriger. Dies ist besonders der Fall, wenn die Geschichte von einem selbst handelt, wie zum Beispiel in einem Bewerbungsprozess. Dabei muss man sich häufig nicht viel ausdenken, sondern beim Storytelling nur das, was ohnehin schon da ist, gut verpacken.

Wie das geht, schauen wir uns in diesem Artikel an.

Die zentralen Bestandteile Deiner Geschichte

Eine gute Geschichte braucht einen Purpose, also ein Warum. Warum erzählst Du das hier? Was willst Du damit bezwecken bzw. vermitteln? Was ist die zentrale Botschaft? Wenn Du Dir darüber im Klaren bist, wird es Dir leichter fallen, Deine Geschichte zu formulieren. (Hier ein paar Beispiele aus dem Bewerbungsprozess.)

Außerdem muss eine gute Geschichte spezifisch sein, um ihr Ziel zu erreichen. Erzähl keine Allgemeinheiten, das reißt keinen vom Hocker.

Natürlich braucht eine Geschichte auch eine*n Protagonist*in. Dieser Person folgt Dein Publikum durch die Geschichte und fiebert im Idealfall mit, wenn sie mit ihren Herausforderungen zu kämpfen hat. Das kannst natürlich auch Du sein, wenn Du von Dir selbst erzählst.

Eine Geschichte muss inhaltlich interessant für Dein Publikum sein. Das ist sie meist, wenn sie relevant ist. Ich kann zum Beispiel mit Fußball nichts anfangen. Daher interessieren mich Fußballgeschichten nicht, auch wenn sie superspannend sind.

Auch erzählerisch muss Deine Geschichte interessant sein. Wie Du das erreichst, besprechen wir unten noch genauer.

Was braucht eine Geschichte ansonsten noch?

Das Struktur Deiner Geschichte

Einleitung, Hauptteil und Schluss. Das sind die Kernelemente einer Geschichte, wie uns schon in der Schule eingetrichert wurde.

Ohne Einleitung weiß Dein Publikum nicht, worum es eigentlich geht, und macht sich schlimmstenfalls falsche Vorstellungen. Hier baust Du quasi die Bühne auf, auf der Deine Geschichte stattfindet. Worum geht es, wer sind die Hauptpersonen, was ist das zu lösende Problem?

Der Hauptteil ist das Herzstück. Ohne ihn hast Du keine Geschichte. Er beschreibt den Umgang mit dem Problem, was (und ggf. auch wer) sich verändert.

Und den Schluss kannst Du Dir allenfalls schenken, wenn Du einen Fortsetzungsroman verkaufst. Er beschreibt, wie das Problem gelöst wird und betont das gute Endergebnis.

Natürlich gibt es auch Geschichten, in denen das Problem nicht gelöst wird, bzw. in denen die Sache schiefgeht. Auch das ist völlig ok, aber dann betonst Du natürlich, was Du daraus gelernt hast, um es beim nächsten Mal besser zu machen.

Wie lang sollte Deine Geschichte sein?

Im Gegensatz zu den Steinzeitmenschen musst Du mit Deiner Geschichte wahrscheinlich nicht mehr lange Winternächte in der Höhle überbrücken. Deine Redezeit – und die Aufmerksamkeitsspanne Deines Publikums – ist vielmehr beschränkt. Du solltest Dich also kurzfassen.

Das Kurzfassen darf natürlich nicht auf Kosten der Verständlichkeit geschehen. Du musst bei der Entwicklung Deiner Geschichte also priorisieren:

  • Worum geht es in meiner Geschichte?
  • Was ist wichtig, um meine Kernbotschaft zu vermitteln?
  • Was bringt meine Geschichte erzählerisch weiter, was ist nur schmückendes Beiwerk?

Diese angemessene Kürze ist besonders wichtig bei der mündlich vorgetragenen Geschichte. In einem Buch kann man bei Bedarf noch einmal zurückblättern (oder eine Pause machen), aber bei einem Vortrag verliert man einfach den Faden. Die Folge: Langeweile. Damit verpufft die Wirkung Deiner Geschichte.

Damit sind wir auch schon bei der nächsten Frage:

Wie detailreich sollte Deine Geschichte sein?

Deine Geschichte sollte genügend Details haben, dass Dein Publikum versteht, worum es geht. Gleichzeitig solltest Du nicht jede Kleinigkeit genauestens beschreiben. Denn durch das gezielte Nicht-Beschreiben von Einzelheiten, wenn Du also Raum für Phantasie lässt, springen die Gehirne der Anderen an. Sie werden also mehr involviert. Dadurch bleibst Du besser in Erinnerung.

Aber wie viel ist jetzt zu viel?

Hier solltest Du Deine Geschichte aus Sicht des Publikums betrachten. Vielleicht kannst Du Dich noch genau daran erinnern, dass Du an dem beschriebenen Tag ein blaues T-Shirt trugst. Aber macht die Farbe für Deine Geschichte wirklich einen Unterschied? Oder verschwendest Du wertvolle Sekunden für den Satz „ich trug ein blaues T-Shirt“, die Du anderweitig besser einsetzen könntest? Lenkst Du Dein Publikum im schlimmsten Fall mit dieser Information sogar vom eigentlichen Kern der Geschichte ab?

Einen schreibtechnischen Tipp hierzu gibt es bei meiner Bloggerkollegin Gabi Kremeskötter, die die Schreibtechnik „Show, don’t tell?“ erklärt. Hier geht es zwar um kreatives Schreiben, aber die Prinzipien kannst Du natürlich auch mündlich und im Storytelling anwenden.

Wie emotional sollte Deine Geschichte sein?

Deine Geschichte muss emotional ansprechen. Ohne Emotionen hast Du keine Geschichte, sondern eine Präsentation (etwas überspitzt ausgedrückt 😉 ). Und vor allem: Ohne Emotionen kannst Du nur schwer eine emotionale Reaktion beim Publikum und dadurch Bindung herstellen.

Deshalb kannst und musst Du über die Emotionen der/des Protagonist*in in den beschriebenen Situationen sprechen. Ansonsten greifen Deine Zuhörer auf ihre eigenen Emotionen zurück – und das kann eine ganz andere Reaktion auslösen, als Du wolltest. Beispiel: „Direkt vor mir saß eine Spinne.“ Dem einen ist das egal, der nächste verzieht das Gesicht, ein anderer rennt schreiend davon beim Gedanken.

Wenn es bei der Geschichte um Dich geht, möchtest Du, dass Dein Publikum Dich besser kennen- und verstehen lernt. Daher musst Du hier natürlich Deine eigenen Emotionen darstellen.

Wie kannst Du eine gute Geschichte ruinieren?

Zum Abschluss möchte ich noch ein paar so-bitte-nicht-Beispiele anführen. Denn eine gute Geschichte kannst Du auch ganz schnell ruinieren oder sie zumindest davon abhalten, eine gute Geschichte zu werden.

  1. Deine Geschichte passt thematisch nicht. Beispiel Vorstellungsgespräch: Du wirst aufgefordert, von einer Situation zu erzählen, in der Du ein Projekt innerhalb kurzer Zeit zu Ende bringen musstest. Du erzählst eine Geschichte, in der zwar ein Projekt vorkommt, dass Du zu Ende gebracht hast, aber eigentlich zeigst Du damit, dass Du ein Team zusammenhalten kannst. Das ist auch wichtig, in diesem Fall aber nicht gefragt.
  2. Deine Geschichte ist zu allgemein. Ich war mal einem Storytelling-Workshop, wo eine Person über ihren Arbeitsalltag sprach und dabei beschrieb, wie sie für ihre Vorgesetzten Probleme gelöst bzw. verhindert hatte. Sie hatte sich aber nicht ein konkretes Beispiel herausgesucht, sondern beschrieb nur ihre generellen Aufgaben. Dadurch ging viel Kraft verloren.
  3. Deine Geschichte ist zu lang. „Zu lang“ ist natürlich nicht zuletzt von der Situation abhängig. Deshalb überleg Dir vorher, in welchem Kontext Du Deine Geschichte erzählst und welche Details oder Komponenten Du auslassen kannst/sollst/musst.
  4. Deine Geschichte ist voller unnützer Details. Das kann ein Grund sein, warum sie zu lang ist. Dein Gegenüber braucht beispielsweise wahrscheinlich nicht den exakten Wortlaut einer Unterhaltung. Statt „Meine Kollegin kam völlig aufgelöst zu mir gelaufen, fast wäre sie hingefallen, und sagte, ‚Ach, hey, Julia, tut mir leid, dass ich dich da jetzt störe, hast du gerade einen Moment, ist leider dringend, ich glaube, es gibt da ein Problem mit dem Beamer, meinst du, du könntest dir das mal ansehen?'“ (das nervt schon beim Lesen, oder?) sag einfach „Meine völlig aufgelöste Kollegin machte mich auf ein Problem mit dem Beamer aufmerksam“. Um ganz klar zu sein: Es kann sinnvoll sein, einen Austausch so detailliert zu schildern, wenn es die zentralen Interaktion der Geschichte ist – z. B. weil Dir auf diesem Wege klar wurde, dass Dein großmäuliger Chef eigentlich sehr verletzlich war. Aber wenn Du das zehn Mal in fünf Minuten machst, wirkst Du schlicht unstrukturiert.
  5. Du trägst Deine Geschichte langweilig vor. Das kann viele Gründe haben. Vielleicht plätschert sie zu lange dahin, ohne dass etwas passiert. Oder Du verwendest keine Adjektive, so dass sich Dein Publikum die Stimmung nicht gut vorstellen kann. Oder es kommen keine Emotionen vor. Oder, im Falle des mündlichen Vortrags, Du modulierst Deine Stimme nicht genug, sondern sprichst monoton. Das ist allerdings ein ganz anderes Thema. 😉
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3 Kommentare

  1. Liebe Julia,
    das ist ein sehr hilfreicher Artikel für alle, die eine Geschichte erzählen wollen, egal über wen oder was!
    Die Prinzipien sind die Gleichen und wer deine Vorgehensweise beherzigt, wird ein gutes Grundgerüst hinbekommen, dass er oder sie „aufbohren“ kann.
    Danke für deine Verlinkung zu Show, don´t tell! Ich freue mich sehr darüber und vielleicht findest du oder deine Leserschaft noch weitere hilfreiche Artikel bei mir.
    Viele liebe Grüße,
    Gabi

    1. Liebe Gabi,
      vielen lieben Dank für Dein Feedback! Und ich bin mir sicher, ich werde noch das eine oder andere Mal auf Deine Blogbeiträge zurückgreifen bzw. verweisen. 🙂
      Viele liebe Grüße
      Julia

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