Indien hat ein dichtes Schienennetz, und Bahnfahren ist erstens eine gute Fortbewegungsmöglichkeit und zweitens ein Teil der Kultur. Tickets sind günstig, der Zug kann schneller sein als das Auto, was spricht also dagegen?
Im Vorfeld meiner Reise wurde mir vom Bahnfahren durchaus abgeraten: Das sei zu chaotisch, zu anstrengend, zu anders als in Europa, die Züge seien zu lang und hätten auch häufig Verspätung. Als leidgeprüfte Bahnfahrerin in Deutschland konnte ich darüber natürlich nur müde lächeln.
Ich habe in Indien zweimal den Zug genommen: direkt bei Ankunft von Delhi nach Jaipur und einige Tage später von Agra nach Delhi. Beide Male war ich mit einem Express unterwegs, also einem modernen, schnellen Zug mit Reservierungspflicht. Es gab also keine Menschentrauben, die zu den Türen hinaushingen, keine Prügelei um den letzten Sitzplatz und ähnliches. Basierend auf meiner (nicht sehr repräsentativen ;-)) Erfahrung würde ich sagen: Zugfahren ist top, würde ich wieder machen.
Dieser Artikel ist eine Mischung aus Erfahrungsbericht und hoffentlich hilfreichen Tipps.
Am Bahnhof
Am Bahnhof wird es mit ziemlicher Sicherheit sehr wuselig sein. Es kann nicht schaden, eine halbe Stunde vor Abfahrt anzukommen. In Delhi Cantt musste ich mehrere Minuten vom Auto zum Bahnhof laufen, weil gebaut wurde. In Agra Cantt musste ich mir einen Weg durch die Massen bahnen. In Jaipur Gandhi Nagar war es bei Ankunft so voll, dass ich überhaupt nicht wusste, wie ich meinen Fahrer finden sollte.
Was ich nicht gesehen habe, waren Anzeigetafeln, auf denen man sein Gleis findet. Aber vielleicht habe ich nicht richtig geguckt. In Agra hat mir der Guide gesagt, auf welchem Gleis mein Zug fährt. In Delhi habe ich mich auf gut Glück auf Gleis 1 gestellt. 😬
Es gibt Warteräume für Männer, Frauen und für die erste Klasse (mit Klimaanlage). Toiletten gibt es ebenso. Das sind natürlich Hockklos, die nicht unbedingt sehr sauber sind. Toilettenpapier ist selbst mitzubringen (und in den Abfall zu werfen, nicht in die Toilette!).

Auf dem Bahnsteig
In den meisten Fällen wird es auf dem Bahnsteig voll sein oder voll werden. Es ist sinnvoll, Deine Zugnummer und Deine Wagennummer zu kennen. Denn die Zugnummer des nächsten Zugs wird am Gleis angezeigt. Es werden auch Durchsagen auf Hindi und Englisch gemacht.

Die Züge sind oft sehr, sehr lang und halten häufig nur zwei Minuten lang (also, zumindest in der Theorie). Wenn Du da am falschen Ende des Bahnsteigs stehst, wird es schwierig. Aber am Bahnsteig gibt es Anzeiger, welcher Waggon wo hält. Deine Wagennummer steht auf Deinem Ticket. Wenn Du also früh genug da bist, hast Du genügend Zeit, den richtigen Einstieg zu suchen. Der Bahnsteig ist häufig voll mit Großfamilien, die offenbar gerade ihren gesamten Hausrat dabeihaben und um die Du Dich herumschlängeln musst. Es kann also etwas dauern, bis Du richtig stehst.
Wenn da, wo Du stehst, mehrere Minuten vor Ankunft des Zugs noch keine Wagennummer angezeigt wird, hält der Zug nicht in diesem Abschnitt. Mir ist das in Agra passiert. Ich stand hinten am Bahnsteig, der Zug war vergleichsweise kurz und hielt vorne. Du merkst dann aber schon, dass um Dich herum alle anfangen, in eine bestimmte Richtung zu laufen.

Wenn Du Hunger hast, gibt es auf dem Bahnsteig (oder zumindest auf Gleis 1) Tee- und Snackverkäufer.
Ich hatte damit gerechnet, auf dem Bahnsteig permanent angebettelt zu werden. Dem war aber nicht so. Der einzige Bettler, den ich in Agra Cantt gesehen habe, konzentrierte sich auf die Einheimischen.
Im Zug
Wenn Du mit einem der modernen Expresszüge fährst, ist die Fahrt gar nicht so anders als in Deutschland. Die Sitze sind ziemlich bequem, wenn auch in einer 2-3-Konfiguration angeordnet, also zwei Plätze auf der einen Seite und drei auf der anderen. Eine Sitzplatzreservierung ist immer dabei.
Es gibt mehr Platz für Gepäck als im ICE.


Und es gibt was zu essen! Jedenfalls, sofern Du das Essen bei der Buchung nicht abgewählt hast. Aber warum solltest Du, es kostet schließlich nur so um die 2 € pro Person. Dafür gibt es eine große Flasche Wasser und, je nach Fahrtstrecke und -zeit, einen Snack oder ein richtiges Essen. Das ist keine Sterneküche, aber solides Essen. Tee/Kaffee gibt es ebenfalls. Es kann nicht schaden, wenn Du ein Reisebesteck dabei hast. Sonst isst Du mit den Fingern.

Ich hatte gelesen, dass das Reservierungssystem versucht, alleinreisende Frauen neben andere Frauen zu setzen. Das hat zumindest bei mir nicht funktioniert. Ich saß immer neben Männern. Mit einem habe ich mich zwei Stunden lang angeregt unterhalten.
Abgesehen davon war es im Wagen ziemlich ruhig. Ähnlich wie in Deutschland schauten die meisten Passagiere gebannt auf ihr Handy.
Wenn Du die Toiletten benutzen möchtest: Es gibt in jedem Waggon ein westliches Sitzklo und ein Hockklo. Besonders ansprechend ist wohl weder die eine noch die andere Variante. Toilettenpapier musst Du selbst mitbringen.
Ticketkontrolle
Die Zugbegleiter haben eine Liste mit allen gebuchten Passagieren. Sie laufen durch den Wagen und fragen die Namen ab. In meinem Fall – ich war die einzige Nichtinderin weit und breit – waren sie wohl nur durch Hinsehen davon überzeugt, dass da die richtige Person sitzt. Dein Ticket musst Du also vermutlich nur vorzeigen, wenn es Unstimmigkeiten gibt.
Anders als in China oder Frankreich musst Du Dein Ticket am Bahnsteig nicht vorzeigen, entwerten oder ähnliches.
Ticket buchen
Spontan mitfahren geht in Indien eigentlich nur bei den local trains, also den günstigsten, mit denen die breite Masse der Bevölkerung fährt. Diese sind in der Regel entsprechend voll. Für alle anderen Züge, insbesondere die Nacht- und Expresszüge, musst Du möglichst weit im Voraus reservieren.
Wie bekommst Du ein Ticket? Du kannst zum Bahnhof gehen. Oder auf der Website der indischen Eisenbahnen buchen. Das ist mit ausländischen Kreditkarten häufig schwierig. Alternativ kannst Du über einen Anbieter wie 12go.asia buchen. Das kostet Aufpreis, insgesamt sind die Tickets aber immer noch wesentlich günstiger als bei uns. Ich habe beide Tickets problemlos dort gebucht. Die Tickets erhältst Du per E-Mail. Ich musste es zu keiner Zeit vorzeigen, weder beim Betreten des Bahnhofsgebäudes noch beim Einsteigen oder im Zug.
Guides und Reisebüros in Indien buchen auch Tickets für Dich. Sie nehmen aber alle einen Aufschlag, sodass die Fahrt im Endeffekt nicht günstiger wird, als wenn Du selbst buchst.
Auch wenn Du auf anderem Wege buchen möchtest, kannst Du Dir bei 12go.asia die Verbindungen für Deine Strecke anzeigen lassen.
Zugtypen
Indien hat diverse verschiedene Zugtypen, die wiederum unterschiedliche Klassen haben. Ich persönlich finde das alles sehr verwirrend. 😅 Man in Seat 61 erklärt es ziemlich gut und hat auch viele weitere sehr gute (englischsprachige) Informationen zum Thema Bahnreisen in Indien.
Da viele Züge extrem lange Fahrtstrecken haben, fahren Züge mit Schlafwagen zum Beispiel auch tagsüber. Dann werden die oberen Betten umgeklappt und die unteren als Sitze verwendet.
Auch Züge wie der Vande Bharat Express, einer der modernsten Indiens, haben zwei unterschiedliche Klassen: Chair Class entspricht der 2. Klasse, Executive Class entspricht der 1. Klasse.
Local trains
Mit einem local train kannst Du natürlich auch fahren. Das ist aber nicht unbedingt wie eine gemütliche Fahrt im Regionalexpress bei uns. Diese Züge sind zum Teil ziemlich alt, wesentlich weniger komfortabel, es gibt keine Klimaanlage und auch nicht unbedingt viel frische Luft. Es kann sehr, sehr voll werden, und die Züge können sehr viel Verspätung haben. Dafür sind die Tickets sehr günstig.
Meine Freundin T, die ein paar Jahre lang in Delhi gelebt hat, ist mal mit einem Zug gefahren, der drei bis vier Stunden brauchen sollte. Tatsächlich waren sie neun Stunden lang unterwegs. Für die Rückfahrt haben sie ein Auto gemietet. 😬
App
„Where is my train“ heißt eine App, mit der Du mittels Zugnummer nachverfolgen kannst, wo sich ein bestimmter Zug gerade befindet. Die App zeigt Dir auch an, auf welchem Gleis Dein Zug fährt.